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Mittwoch, 1. August 2007

Alles nur Mythos?

Kommen wir zurück auf den Eintrag zum Independence Day. Da ging es darum, dass man in Amerika ein anderes Ereignis feiert als in der Schweizer, als nationaler Feiertag. Um es den Schweizern gleichzutun müsste man in Amerika die Landung von Columbus in Amerika oder gar früher der Wikinger feiern. Tut man aber nicht. Ich habe mich daher im Welt Weiten Web etwas auf die Suche gemacht nach Daten zur Schweizer Geschichte und es ist wirklich schwierig Mythos von Fakten zu unterscheiden. Die Auftritte von Historikern im Web sind rar. Hier nun meine Ergebnisse. Tut sicher auch manchem Eidgenossen gut wieder mal etwas Geschichte zu schnuppern und aufzufrischen. Oder bin ich der einzige hier der es nötig hatte und die Wahrheit wissen will?

Die Geschichtsforscher scheint es mir sind sich einig, dass der Bund von 1291 weder eine Unabhängigkeitserklärung noch eine Staatengründung war. Das heutige Gebiet der Schweiz war und blieb damals Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Ein seltsames Reich ohne klare Führung dem erst Napoleon 1806 ein Ende setzte. Zu dem kommen wir noch einmal. Die heutige Schweiz wurde erst 1848 gegründet und ist somit noch nicht einmal 200 Jahre alt.

1291 war markant für die Geschichte der Schweiz ohne Zweifel weil am 15. Juli 1291 König Rudolf v. Habsburg starb. Zwischen 1200 und 1230 war der Gotthard als Nord-Süd Route passierbar geworden und die Innerschweiz erlangte dadurch massiv an Bedeutung; Wegzoll ist wohl das Zauberwort. Während der König Rudolf angeblich den Innerschwyzern noch etwas freundlicher gesinnt war änderte das mit den Nachfolgern drastisch weshalb die Genossen sich genötigt sahen zusammenzustehen zum Eid und sich gegenseitig beizustehen. Plus gleich noch ein paar andere Dinge geregelt. Ein solcher Bund ist beschlossen in dem was man heute als Bundesbrief kennt, besiegelt im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August. Es könnte also wohl auch der 2. oder 3. sein. Anyhow, nach den Historikern ist dieser Bund nur ein Bund von vielen, immer und immer wieder sind sie neu zusammen gestanden und haben die Finger in die Luft gestreckt und geschworen.

In einer Sammlung von Dokumenten und Berichten, Dem Weissen Buch von Sarnen, ein Buch das gemäss Historikern auch nicht über alle Zweifel erhaben ist, wird dann der Schwur auf dem Rütli erwähnt. Es ist dabei nicht einmal gesichert ob es sich um das Rütli handelt, da es auch ein solches beim Mythen gibt. Auch ist es total unabhängig vom soeben erwähnten Bundesbrief. Der Rütlischwur und der Bundesbrief kommen erst später zusammen, fast wie die Jungfrau zum Kind. Den Schwur datiert man nämlich irgendwann mal auf den 8. November 1307, als gesichert gilt aber auch das nicht. Dieses Datum hatte aber lange Bestand und wurde immer wieder einmal gefeiert. Die Jahreszahl ist notabene auch im Tell Denkmal verewigt womit wir den nächsten Bogen spannen. Über das Sarnen Buch und Aegidius Tschudi als Historiker gelangen wir zu Schiller, einem Deutschen, welcher aus diesem Material und wohl weiteren Erzählungen und letztendlich Mythen 1804 ein G'schichtli erzählt über den Wilhelm Tell und andere Genossen. Darin taucht auch der Rütlischwur auf und plötzlich haben die ersten Eidgenossen Namen. Stauffacher sowie Tell und Gessler sollen jedoch erst um 1470 ihre Fehde ausgetragen haben. "Gessler, Gessler, nei sie, de Walter cha doch nöd allei sii." Schnitt!

Danach haben sich einige weitere Städte respektive Kantone zum Bündnis dazu geschlossen aber so richtig Ruhe und Ordnung ist nie eingekehrt. Man sei dabei erinnert an die Helvetische Revolution (1793-1798) und darauf die Helvetische Republik (1798-1802) - Helvetische Revolution und Republik. Vorbild war Frankreich, die helvetische Flagge war irgendwie grün-rot-gold gestreift, die Urschweiz hat sich daran nicht beteiligt und schlimmer sich sogar ihrerseits dagegen aufgelehnt und rebelliert. Eine Republik, uneinig und ohne klare Führung und auch hier war Napoleon zur Stelle. Napoleon war dabei nicht ein Diktator sondern sah sich als Mediator - die Mediationszeit (1803–1814).

Mit Napoleon war ja einiges später aber auch Schluss, man erinnere sich dank Abba an Waterloo. Irgendwann um 1815 in Wien hat man die Kantone in ihrem Bündnis als neutral akzeptiert. Der grosse Meilenstein erfolgte 1830 mit der Regenerationszeit und in dieser Zeit ertönten auch Stimmen (Paul Vital Ignaz Troxler) einen Bundesstaat zu Gründen - Achtung: Trommelwirbel - nach Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika. Schaut man sich die Strukturen an sind sie sich auch sehr ähnlich, dazu ein anderes mal mehr. Da bin ich noch nicht ganz so weit. Kurzum, 1848 war es soweit die Bundesverfassung war geschrieben und die Schweiz eigentlich erst gegründet.

Warum nun aber 1291 und der 1. August als nationaler Feiertag? Das haben wir angeblich den Berner zu verdanken und man muss es leider so sagen: Es könnte auch irgend ein anderer Tag und ein anderes Jahr sein!

Fast bis Ende des 19. Jahrhunderts hat man sich auf den 8.11.1307 bezogen. Der Bundesbrief von 1291 war erst im 18. Jahrhundert 'entdeckt' worden und ist, wie erwähnt, im Prinzip nur einer von vielen. 1891 dachten sich dann die Berner, dass sie irgendwie seit 600 Jahren bestehen und wollten das feiern und gleichzeitig hat man dann sich an eben diesen jenen Bundesbrief erinnert und gedacht, toll machen wir doch daraus auch gleich eine Bundesfeier. Interessanterweise hat man dabei aber noch nicht mal an eine jährliche Wiederholung der Feier gedacht geschweige an einen "Nationalen Feiertag". Das kam erst 1899 als der Bundesrat die Kantone aufforderte am 1. August die Glocken läuten zu lassen weil man sich etwas genötigt sah einen Gegenpunkt zu haben zu den Franzosen mit ihrem Quatorze Juillet und anderen Staaten die begannen Jahrestage zu feiern. Nach und nach kamen dann die Höhenfeuer, Ansprachen, Lampions und Feuerwerk dazu sowie auch einzelne Kantone begannen den Feiertag als arbeitsfreier Tag in den Kalender aufzunehmen.

Das Rütli vollends zum Mythos gemacht hat dann General Guisan bei seinem Rütlirapport im Jahr 1940 um für den Widerstand gegen das nationalsozialistische «Neue Europa» zu mobilisierte. Dabei beschlich mich in der jüngsten Vergangenheit immer ein seltsames Gefühl wenn sich ausgerechnet nationalsozialistisch veranlagte Schweizer eingefunden hatten zur Feier. Ich glaube in der Geschichte hatten die einen grossen Fensterplatz.

Somit wünsche ich allen Schweizerinnen und Schweizern ein schönes entspanntes Feiern, jetzt wisst ihr wenigstens wieder einmal weshalb ihr Raketen in den Himmel schiesst. Ich muss ja arbeiten. Und wer es noch genauer wissen will und sonst noch so ein paar Sachen über die ich bei meiner Recherche gestolpert bin hier (m)ein Feuerwerk von Links.

Nachtrag (07.09.2007): Im "Das Magazin - 34/2007" der Beilage am Samstag im Tages-Anzeiger fand ich den Artikel Von der Kuh zum Geissbock. Interessante Kurz-Lektüre über die Geschichte von damals bis heute. Nicht geeignet für Leser welche etwas über die schöne und heile Schweiz lesen wollen.

Bundesarchiv
Bundesbrief
Bundesverfassung
Die "offizielle Geschichte" der Schweiz

Historisches Lexikon der Schweiz
Der Weg zum modernen demokratischen Bundesstaat

Wikipedia.de
Wiki Schweiz-Geschiche
Wiki Rütlischwur

Historisches Lernen in der Grundschule zwischen nationaler Identitätsbildung
und fachwissenschaftlicher Rationalität - ein Schweizer Beispiel [PDF]

Troxler Forum

Eine Wiese mit Kuhdreck
Bundesbrief ziert Austellung in Amerika

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