Downtown Austin

Downtown Austin

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Der fliegende Holländer

Dem Datum entsprechend ist es Zeit wieder einmal etwas Mythos-Bereinigung zu machen. Nicht ganz verwunderlich gibt es in Amerika konstant Dinge welche anders ablaufen und funktionieren als in der alten Heimat. Anstatt mich nur zu wundern und am Kopf zu kratzen nutze ich das Internet und informiere mich. Und wie ich das glaube ich andernorts schon erwähnt habe, um meine Erkenntnisse nicht für mich alleine zu behalten, hier einmal mehr -- meine Erkenntnisse über einen Mythos.

Bekanntlich kommt der dicke Mann mit weissem Bart und rotem Gewand in der alten Heimat vielerorts heute, dem 6. Dezember, und heisst Nikolaus. In Amerika kommt der gute Mann aber erst zu Weihnachten und heisst -- richtig, Santa Claus. Was haben die beiden gemeinsam und wenn ja, was ist schief gelaufen fragt man sich oder wo sind die beiden abgedriftet.

Nun gemeinsam haben sie auf alle Fälle die Vergangenheit und Herkunft, sprich es geht um die gleiche Person. Während einige Webseiten ziemlich genau wissen wann diese Person lebte sind andere, und darunter vor allem kirchliche [1], unsicher und höchst vage. Kurioserweise ist es wiederum die Kirche welche die Todestage ihrer Heiligen und Märtyrer zum jeweiligen Namenstag gemacht hat. "Nikolaus von Myra" zum 6. Dezember inklusive. Irgendwann im 4. Jahrhundert soll er gelebt haben, also irgendwo um oder nach 300AD. Woher alle Quellen das Wissen nehmen um den 6. Dezember als den Todestag festzusetzen lassen sie offen und daher bleiben Zweifel. Aber das auch nicht so wichtig.

Was sich wieder einigermassen reimt ist seine Herkunft irgendwo in der Türkei und das er wie unsere heutigen "Chläuse" Geschenke verteilt haben soll. Namentlich Geld an drei Mädels um sie vor der Prostitution zu bewahren allerdings gesichert ist auch das nicht. Auch ist nicht gesichert ob Nikolaus wirklich sein leiblicher Name war.
Es könnte sich auch um eine Ehrenbezeichnung handeln, denn „nikos” bedeutet im Griechischen „Sieg”, „laos” das „Volk”. „Nikolaos” meint somit „Sieger des Volkes“. „Nikolaus” könnte also jemanden bezeichnen, der das Böse besiegt und dem Volk gezeigt hat, wie das Gute siegreich bleibt.[2]
In einer Nacht und Nebel Aktion musste die westliche Kirche die Relikte von diesem Nikolaus nach Bari, Italien bringen und dazu gilt der 9. Mai 1087 als ziemlich gesichert und wird angeblich in Kirchen zelebriert. Ab dann ist die Legende von ihm über ganz Europa in die Kirchen übertragen worden.

In Deutschland, genauer bei den Germanen, kam es dann offenbar noch zu einer weiteren Legende respektive einer Verschmelzung mit einer anderen Legende. Da gab es den Odin oder auch Wogan und der soll als Gottheit mit seinem Pferd über die Häuser geritten sein und auch Wohltätiges vollbracht haben, in Form von Geschenken. Wir behalten dies in Erinnerung für die Rentiere.

Und dann kam der Martin Luther mit seiner Reformation und hat das Geschenke geben vom Nikolaus an das Christkind zu Weihnachten übertragen.
Dieses Brauchtum, das im Hause Martin Luthers auch gepflegt wurde, war reformationstheologisch aber obsolet: Weil die Heiligenverehrung abgeschafft wurde, durfte natürlich die Kinderbeschenkung damit nicht mehr gekoppelt sein. Martin Luther erfand deshalb das „Christkind”, das nun zu Weihnachten die Kinder bescherte.
Trotzdem gibt es heute in der alten Heimat die irgendwie paradoxe Variante, dass es nicht nur zu Weihnachten exklusiv Geschenke gibt vom Christkind sondern auch der Weihnachtsmann bringt kleine Geschenke. Schuld daran sollen die Holländer sein und die haben noch für mehr Veränderung gesorgt.

Erstens haben die sich um das Gebot von Martin Luther nicht so sehr gekümmert und weiterhin zu ihrem "Sinterklaas" am 6. Dezember die Geschenke Schwemme beibehalten. Letztendlich dürfte die Welle von da wieder zurück geschwappt sein. Und zweitens, und das ist nun für Amerika relevant, haben die holländischen Auswanderer diesen Brauch mit über den grossen Teich in ihr New Amsterdam genommen. Sie machten den Saint Nicolas sogar zum Patron ihrer neuen Stadt. Sein Schutz war aber wohl nicht so gut den 1664 kamen die Engländer mit James II of England, dem Duke of York, übernahmen die Herrschaft und gaben der Stadt auch einen neuen Namen -- New York.

In den folgenden Jahren wird es etwas düster um die Geschichte mit dem "Sinterklaas" in New York.[3] Nachdem man 1776 dann die Briten wieder zurück auf ihre Insel geschickt hatte wurde der Wandel vom "Sinterklaas" zum Santa Claus offensichtlich den gefeiert hatte man trotz der Besetzung. Irgendwie vermischt hat sich aber der holländische Brauch mit dem Verständnis der Engländer für ihren Father Christmas -- was jedoch mehr eine pagan (heidnische) Tradition war aber unheimlich viel Ähnlichkeit hatte. Vor allem dieser heidnische Einfluss schien etwas besonderes zu bewirken. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte der Brauch säkularen Charaktere angenommen, stand also nicht mehr direkt in Verbindung mit dem christlichen Glauben. In der alten Heimat scheint man das den Amerikanern selbst heute nicht ganz zu zutrauen und schaut dem weihnachtlichen Treiben hier immer mit etwas gemischten Gefühlen zu. Zurück aber wieder in die Vergangenheit.

Viele Quellen sehen dieses New York ab 1800 als den Ursprung vom Santa Claus und es scheint das sich viele Poeten und andere Schreiberling in Amerika davon inspirieren liessen. Es gibt einige Referenzen zu solchen literarischen Werken aber vor allem die Zeichnungen ab 1863 von einem deutschen Auswanderer, Thomas Nast, sollten hauptsächlich das Bild vom Santa Claus in Amerika prägen. All dies vermischte sich wohl auch mit jeder neuen Flut von Einwanderern welche damals mehrheitlich über New York kamen. Und die hatten hauptsächlich ihr reformiertes Christkind zum 24. Dezember im Reisegepäck, welches mittlerweile notabene auch die Katholiken übernommen haben. Also das Christkind nicht das Reisegepäck. Whatever! Dann kam auch der aufkommenden Wohlstand der Gesellschaft und damit verbunden die Kommerzialisierung welche mit dem Santa Claus ein dankbares Opfer fand. Man glaubt auch, dass der Santa Claus so wie man ihn heute allgemein wahrnimmt in Amerika stark beeinflusst wurde durch die Werbekampagne ab 1930 von Coca-Cola. Welche auch heute noch legendäre Werbe Spots alljährlich zu Weihnachten abliefert. Irgendwie muss man den Umsatz für ein kaltes Getränk zur Winterzeit ja antreiben.

Mischt man nun, vor allem in diesem melting pot (Schmelztigel) New York, all diese Legenden der verschiedenen Kulturen und Epochen zusammen, kann eigentlich nur dieser fliegenden Santa vom Nordpol im Schlitten mit den Rentieren (man erinnere sich an Odin, weiter oben) resultieren. Und wenn man vielen Artikeln glaubt kommt dieser amerikanische Brauch auch vermehrt in die Stuben in der alten Heimat. Somit kehrt der fliegende Holländer zurück an seinen Ursprung. Wie lange sich dann das Christkind in der alten Heimat noch halten kann zu Weihnachten werden wir sehen. Martin Luther wird sich im Grabe umdrehen.

Nebst dem Santa Claus in rot sieht man in Austin zur Zeit in den Nachrichten oft auch einen Blue Santa (blauen Santa). Seit 1972, initiiert durch das Austin Police Department, sammeln diverse Organisationen in der Austin Area Geschenke und verteilen diese dann an die Kinder von Familien welche sich keine Geschenke leisten können.

Zur Ausnahme mal also: "die Polizei, dein Freund und Santa!"

Ein fröhliches Ho, Ho, Ho!


[1] The real Saint Nicolas - Ted Olsen, former assistant editor of Christian History & Biography
[2] Religöses Brauchtum - Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Erzbistum Köln
[3] Jona Lendering für Livius.Org, 2005
Weitere Quellen:
Christmas in the British Islands - NorthPole.org
Origin of Santa - StNicholasCenter.org
The Claus that Refreshes - Urban Legends

1 Kommentar:

Marc Trementore hat gesagt…

soooo cool - endlich kann ich meinen amerikanischen Freunden richtig erklaeren, wieso wir ein Chrischtchindli haben und keinen doofen Santa Chlous mit seinen Rentieren.

Btw - ich frage mich wann die Frau Santa Claus dazugekommen ist? Wahrscheinlich im Laufe der 70er Jahre wegen der Political Correctness? Und wann haben wohl die Rentiere und die Elfen Namen erhalten?

Tja, ich feiere auf jeden Fall noch wie zu Hause. Und heute am 6. Dezember halt ich Ausschau nach dem grossen Sack und der Rute :-)

Gruss - und danke fuer den schoenen Blogbeitrag,

Treme

Show Me The Money!