Downtown Austin

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Freitag, 27. Juni 2008

Erst Schiessen dann Fragen

Heute etwas zu einem Klischee. Vorab aber vielleicht schnell was ist den ein Klischee. Dazu aus der Wikipedia

Ein Klischee ist eine überkommene Vorstellung oder ein eingefahrenes Denkschema, eine abgedroschene Redensart oder vorgeprägte Ausdrucksweise, ein überbeanspruchtes Bild (Stilmittel), das sich auf eine entweder regelhaft wiedererkennbare oder äquivalent dazu häufig zugeschriebene gemeinsame Eigenschaft einer Menge von Personen, Objekten etc. (konkret einer Menge von Individualbegriffen) bezieht und auf welche das Klischee demnach angewendet werden kann.
Wow! Man beachte: das ist alles ein Satz!

Im Englischen ist es übrigens auch ein Klischee allerdings wird die französische Schreibweise beibehalten. Die Aussprache bleibt daher fast wie im Deutschen ausser das am Ende noch ein schwaches I angehängt wird. Die Bedeutung ebenfalls aus Wikipedia jedoch der Englischen:
A cliché is a phrase, expression, or idea that has been overused to the point of losing its intended force or novelty, especially when at some time it was considered distinctively forceful or novel.
Etwas kürzer, oder?

Das oder ein cliché über die Amerikaner beinhaltet, dass sie so übertrieben freundlich sind und sich immer und überall erkundigen wie es einem den auch geht und so. How are you?, How is it going? oder auch How are you doing? heisst die oft gestellte Frage. Der verwirrte deutschsprachige Mittel Europäer, kaum zum ersten Mal in Amerika, kriegt Schweiss Ausbruch und weiss nicht wie er mit seinen mageren Sprachkenntnissen seinen Wesenszustand beschreiben soll. Mancher wundert sich vielleicht auch noch wie man einen wildfremden Menschen fragen kann wie es ihm denn geht. Es scheint doch schon etwas intim wenn nicht sogar frech zu sein, oder?

Ich könnte nun seitenlang schreiben über die verschiedenen Variationen und Möglichkeiten. Einen Ratgeber sozusagen, wie Grüsse ich die Amerikaner richtig und all die Unterschiede zur alten Heimat aufzeigen. Oder den Grund und allfällige Herkunft dieser Freundlichkeit finden. Ich überlasse das gerne anderen Wissenschaftlern Bloggern. Ich bringe hier nur eine kleine Sache welche mich selbst nach mehr als zwei Jahren immer wieder einmal vor Probleme stellt. Ach nein, eigentlich kein Problem -- mehr verwunde(r)t.

Als Vergleich oder weshalb überhaupt zuerst die alte Heimat. Wenn ich damals zB mit meinem Hund spazieren ging und mir jemand entgegen kam beginnt zuerst einmal das Problem mit dem Augenkontakt. Da wird man oft erst auf den letzten paar Metern angeschaut. Dann passiert eine von zwei Möglichkeiten:
  • Variante 1: Leider viel zu oft, die andere Person schaut sofort wieder weg. Dem Gesichtsausdruck nach könnte man meinen die Person ist soeben bei einem peinlichen Vorfall erwischt worden. Der Kopf wendet sich ab und die verbleibenden zwei Schritte bis man vorbei ist werden grosser und schneller um der angespannt Situation noch schneller zu entkommen. Hier einer solchen Person nun einen einfachen Gruss wie "Hallo" zu sagen wird in den seltensten Fällen erwidert. Oder die Person ist so geschockt, dass die Luft Zufuhr durch die Stimmbänder blockiert ist und keine Silbe mehr heraus kommt.
  • Variante 2: In Millisekunden beginnt etwas, fast wie bei einem Duell im Wilden West. Wer zuckt zuerst mit der Lippe? Ein einfaches Zucken mit der Lippe - Zieh! - und schon zuckte es beim Gegenüber und er oder sie schiesst einem einen Gruss entgegen. Natürlich hat man das erwartet und schiesst ebenfalls blitzschnell seinen Gruss auf sein Gegenüber ab. Sehr oft brauchte es eine Zeitlupenaufnahme um festzustellen wer nun zuerst seinen Gruss losgeworden ist. Der Zeitpunkt des ersten Zuckens übrigens ist meistens so exakt gesetzt, dass man beim letzten Hauch des Grusses auf gleicher Höhe ist. Jede weitere Kommunikation wird damit elegant unterbunden.
Dieses Duell kann man natürlich schön manipulieren -- zur eigenen Belustigung. Sobald der Augenkontakt hergestellt ist und klar ist, dass die andere Person dem Duell nicht ausweicht zuckt man und feuert seinen Gruss ab. Die andere Person vermag in den meisten Fällen nicht mehr richtig zu reagieren. Die Augen sind vor Schreck und Überraschung weit aufgerissen. Volltreffer! Der vorbereitete Gruss bleibt vorerst im Hals des gegnerischen Duellanten stecken. In den meisten Fällen vermag der Gruss dann doch noch zu entweichen. Allerdings geht er ins Leere da man sich schon passiert hat. Auf dem eigenen Gesicht macht sich der Ausdruck des Triumphs breit. Gotcha!

Ob meine etwas anderen Erfahrungen hier nun in ganz Amerika gelten weiss ich leider nicht. Bei meinen damaligen Reisen waren die Bedingungen auch anders. Und es hat auch jetzt etwas Zeit gebraucht bis es mir aufgefallen ist. In meiner unmittelbaren Umgebung spielt sich das Ganze auf jeden Fall wie folgt ab.
  • Variante 1: Dafür, dass Amerikaner dem cliché nach so überaus freundlich sind geschieht diese Variante leider unerwartet oft. Jedoch mit einem kleinem Unterschied. Kein Augenkontakt! Selbst nicht im letzten Moment schwenken die Augen noch kurz zu mir herüber. Totale Ignoranz. Man kommt sich vor wie Luft oder ein Geist. Etwas überraschend auch, dass es dem Gefühl nach mehrheitlich Frauen sind. So nach dem Motto, "Wah, ein Mann! Bloss schnell weg hier." Dabei kennen die mich doch gar nicht. Woher will die wissen das ich nur das eine will? Versteh ich nicht. Ich will doch nur "Hallo" sagen.
  • Variante 2: Die ist angenehmer ... oder sagen wir besser positiver. Sie hinterlässt mich nämlich selbst nach zwei Jahren immer noch als Verlierer. Das ist nicht angenehm, oder? Das Problem hier ist ... es wird sofort geschossen! Kaum ist der Augenkontakt hergestellt und sei man noch so weit weg schallt einem aus der Ferne der Gruss entgegen. Hier im Süden meistens ein "How's it going?" Ich weiss nicht was die grösste Entfernung war aber jemand hat mich sicher schon aus weit mehr als 10 Metern gegrüsst. Man berücksichtige dabei auch noch, dass man speziell hier in Texas langsamer zu Fuss unterwegs ist. Da müsste man noch 20% dazurechnen - von jeder Seite! Die Hitze und ein strammer Schritt passen nicht so wirklich zusammen hier im Süden. Nur so nebenbei bemerkt.
Ich würde ja nur zu gerne mal wissen wie der Amerikaner im Normalfall so auf die Frage den Gruss antwortet. Aber ich habe keine Ahnung. Ich habe es glaube noch nie geschafft zuerst abzudrücken und wenn dann war der andere wahrscheinlich meistens auch alien (Ausländer). Ha, da kriege ich sie alle!

Aus meinen angeborenen Gewohnheiten der alten Heimat zum Duell bin ich aber gegenüber Einheimischen grundsätzlich immer zu spät. Wenn mein Instinkt denkt "jetzt bin ich nah genug" und mein Blick beginnt sich auf die entgegenkommende Person zu richten stehe ich bei der schon voll im Fadenkreuz. Boom! "How's it going?" - "Dude, gimme a break! Don't you see ... I'm bleeding here!"

Vielleicht kommt das hier in Texas alles noch von früher und liegt irgendwie am Wilden Westen. Damals hatte man sich sicher schon auf Schussdistanz gegrüsst und abgeschätzt was der andere für Absichten hat. Man weiss ja nie! Je nach Situation hat man wohl sogar erst geschossen und dann gefragt. Da macht dann die Frage "How are you doing?" sogar richtig Sinn, oder?

Ich frage mich sehr oft wie das hier vor mehr als 150 Jahren für die ersten Siedler gewesen sein muss. Da hatte man das Gesetz noch sprichwörtlich in der eigenen Hand.

Kommentare:

Bek hat gesagt…

Aeusserst gut getroffen!:) Ich bin mir auch nie so sicher, wie man am besten darauf antwortet, wenn man soweit weg voneinander ist. Es dauerte auf jeden Fall recht lange, bis ich mich daran gewoehnt habe.

Anonym hat gesagt…

Interessant, ich fühl mich selbst als Deutsche in Deutschland irgendwie abgestraft, und nicht respektiert, Hallo sagen gehört hier sehr selten zum guten Ton. Wie herzerwärmend war es dann, als eine amerikanische Gastwissenschaftlerin während meiner Arbeit mich quer über den Gang (das müssen gut 8 Meter gewesen sein) mit einem donnernd- tschirpenden "Hey there!" untermalt von einem breiten Lächeln grüßte. Viele Deutsche sind von so einer Holzhammermethode verstört, ich jedoch genieße es, spricht es doch meine eigene Eitelkeit an. Ich wünschte, andere in D. wären auch so eitel :)
Es mag oberflächlich erscheinen, aber die deutsche Art des höflichen Ignorierens kommt für mich einer Kriegserklärung gleich. Ich genieße es unheimlich, wahrgenommen zu werden und wundere mich, dass andere sich gestört fühlen. Tine aus Berlin

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