Downtown Austin

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Freitag, 25. Februar 2011

Der falsche Stolz eines Reporters

Zwischendurch wieder einmal etwas neues. Ich schreibe hier kaum mehr weil "TRUE America" die Wahrheit ueber Amerika kaum jemanden interessiert. Wenn wundert es. Ueber Amerika wird in der alten Heimat dauernd schlecht geredet ohne Ruecksicht auf die Wahrheit. Da verkommt die echte Wahrheit zur Luege! Bei meinem Blick in die Online Zeitung in der alten Heimat werde ich fast taeglich fuendig. Heute habe ich wieder einmal ein Goldstueck gefunden und das ist so grotesk, dass ich hier mein Schweigen wieder einmal breche und wir uns das doch mal naeher anschauen wollen.

Vorwarnung: Um was es hier NICHT geht
Es geht hier nicht um die Person, Ereignisse, Regierungen, Kriege, Guantanamo Bay, Verletzung von Menschenrechten, yada yada also um den eigentlichen Inhalt des Artikels. Darum geht es ganz klar nicht. Da bin ich mit der Schreibergilde zu einem grossen Teil wahrscheinlich sogar gleicher Meinung.

Um was geht es wirklich?
Es geht hier darum wie ein Ereignis oder wie im konkreten Fall ein Artikel genommen wird und daraus eine komplett andere und neue Nachricht geschrieben und vermeldet wird. Zum Thema "Bad America" scheint es herrscht dauernd saure Gurken Zeit und es duenkt mich oft als ob die Zeitungen und Magazine in der alten Heimat eine Art "Negative Artikel ueber Amerika" Quote haben. Aus der Redaktion schallt es: "Schreibt mir taeglich was negatives ueber Amerika, unsere Leser wollen das! Scheiss Amis!" Weshalb ist mir persoenlich schleierhaft und aus Mangel an anderen Worten muss ich solche Artikel als reine Anti Amerika Propaganda bezeichnen.

Shall we begin?
Im Tages Anzeiger Online schreibt heute ein Christof Muenger einen Artikel mit dem vielsagenden Titel "Der falsche Stolz einer Amerikanerin". Vielsagend daher weil der Titel fuer sich alleine schon den Ton vorgibt. Der Leser wird vorprogrammiert! Wem es noch nicht klar ist dem wird mit der Headline nachgeholfen.

"Die frühere US-Aussenministerin Condoleezza Rice reklamiert die Revolution im Mittleren Osten und Nordafrika zu Unrecht für sich."
Der Leser ist nun richtig auf negativ programmiert und kann alles Negative aufsaugen. Der Leser hat sein Urteil ueber die US-Aussenministerin eigentlich bereits gemacht.

Schauen wir uns trotzdem den Artikel von Herrn Muenger mal an und ich hebe einige Punke hervor auf die wir anschliessend etwas naeher eingehen. Der Artikel beginnt wie folgt mit diesem Absatz:
"Bescheidenheit ist nicht die Sache der Condoleezza Rice. In einem Gastartikel in der «Washington Post» hat sie in Anspruch genommen, mit ihrer viel beachteten Kairoer Rede von 2005 den Keim der Demokratie in Ägypten eingepflanzt zu haben. Denn nur wenige Monate später hätten zumindest halbwegs freie Wahlen stattgefunden, schreibt die damalige US-Aussenministerin. Dabei landete Hosni Mubarak allerdings – gemäss offiziellem Ergebnis – einen Erdrutschsieg und unterdrückte danach die Opposition wie zuvor. Trotzdem behauptet Rice, wegen ihres Auftritts sei der «Rubikon überschritten» worden."
Der zweite Abschnitt hat dann mit dem Gastartikel in der Washington Post nichts mehr zu tun und ist eine erste kurze Auflistung von "Fakten" ueber Frau Rice um den Leser weiter auf negativ zu programmieren. Wir goennen uns aber noch den Beginn des dritten Absatzes:
"Der Hinweis von Rice auf ihre eigene bedeutsame Rolle beim Umbruch in Ägypten – allein in den ersten drei Sätzen taucht das Wort «Ich» viermal auf – wirkt daher nicht nur eitel, er ist unangebracht. ..."
Der ganze Rest ist noch mehr "Fakten" ueber Frau Rice. Wir koennen uns diesen Balast sparen den der hat mit dem Gastartikel in der Washington Post nichts mehr zu tun.

Was haben wir hier nun bitte schoen, frage ich? Erstens wir haben nichts neues! Keine echte Nachricht nur das eine Person einen Artikel in einer amerikanischen Zeitung geschrieben hat. Wir haben hier einen Artikel ueber eine Person (zu einem Artikel von einer Person) um damit ganz bewusst eine Meinung verbreiten zu koennen. Wie gesagt, es geht nicht um die Person sondern darum was der Artikel bezwecken soll. Anti Amerika Propaganda! Man nehme ein kleines Ereignis oder einen kleinen Artikel und mache daraus eine grosse und vor allem mit negativen Attributen bestueckte Geschichte--bashing nennt sich das im Amerikanischen.

Was der gute Reporter und wohl auch viele Leser vergessen ist, dass man solche Ereignisse und Artikel auch im Original in Englisch nachlesen kann. Den Gastartikel von der Condi gibt es auch im Internet. Fuer mich leider nicht ueberraschend liesst sich dieser Artikel dann etwas nuechterner. Schauen wir also den Original Artikel mal an und vergleichen das mit den von mir hervorgehobenen Abschnitten. Hier die ersten drei Absaetze.
As I watched Hosni Mubarak address the Egyptian people last week, I thought to myself, "It didn't have to be this way."

In June 2005, as secretary of state, I arrived at the American University in Cairo to deliver a speech at a time of growing momentum for democratic change in the region. Following in the vein of President George W. Bush's second inaugural address, I said that the United States would stand with people who seek freedom. This was an admission that the United States had, in the Middle East more than any other region, sought stability at the expense of democracy, and had achieved neither. It was an affirmation of our belief that the desire for liberty is universal - not Western, but human - and that only fulfillment of that desire leads to true stability.

For a time it seemed that Egypt's leadership was responding - not so much to us but to their own people, who clamored for change. Egyptians had just witnessed the retreat of Syrian troops in Lebanon and the election of a new government; the purple-fingered free elections in Iraq; and the emergence of new leadership in Palestine. A few months later, freer if not fully free presidential elections followed raucous civic debate in Egypt's cafes and online. Though Mubarak's party won overwhelmingly, it seemed a kind of Rubicon had been crossed.
Den Rest des Artikels koennen wir uns sparen, denn fuer den hat sich unser Journalist nicht die Bohne interessiert. Schade eigentlich. Alles was er brauchte fuer seine Geschichte ist in diesen ersten Absaetzen. Um das nun klar und deutlich zu machen: Alles was der gute Reporter der former secretary of state unterstellt befindet sich hier in diesen drei Absaetzen.

Unser Journalist von der Front schreibt also wie folgt: " sie hat in Anspruch genommen ... den Keim der Demokratie in Aegypten eingepflanzt zu haben". Ich kann den Artikel von der Frau Rice noch hundert mal mehr durch lesen ich finde nichts was wie ein Keim fuer Demokratie aussieht. Eher das Gegenteil: "to deliver a speech at a time of growing momentum for democratic change in the region". Sie schreibt ganz klar, dass der Prozess damals 2005 schon begonnen hat--nicht das sie der Keim war und das gepflanzt hat! Auch nicht einmal ein zarter Hinweis, dass sie Wasser auf die keimende Saat gegossen hatte. Es ist alles nur eine stiel-lose Fantasie des Journalisten. Oder vielleicht ein Wortspiel auf ihren Namen? Rice = Reis = Keim? Nein?

Herr Muenger impliziert dann sogleich weiter, dass Frau Rice die folgenden halbwegs freien Wahlen ihrer Rede zu verdanken seien: "Denn nur wenige Monate später ... " beginnt er. Genau so kann man das im Original Artikel nicht finden. Sie schreibt zwar, dass "A few months later, freer if not fully free presidential elections followed" aber das steht an einer anderen Stelle und somit in einem anderen Kontext. Weit und breit nichts, dass dies ausschliesslich wegen ihrer Rede geschehen sei. (Noch) nicht unbedingt das Gegenteil aber im richtigen Kontext und deshalb im Gegensatz zu den Worten vom Journalisten beginnt sie den Abschnitt mit "For a time it seemed that Egypt's leadership was responding--[das sparen wir uns auf fuer gleich]. Egyptians had just witnessed the retreat of Syrian troops in Lebanon and the election of a new government; the purple-fingered free elections in Iraq; and the emergence of new leadership in Palestine". Erst jetzt folgt der zitierte Satz und steht nun im richtigen Kontext.

Journalistische Freiheit, eh? Man schnippselt einfach zwei Saetze weg und klebt das ganze neu fuer seine Zwecke neu zusammen. Der Satz bezieht sich im Original auf die Aegypter welche die erwaehnten Ereignisse erlebten und nicht ihre Rede wie bei Herr Muenger. Wichtig und interessant hier jedoch der erste Satz, es ist eigentlich die einzige Stelle wo sie einen Bezug zwischen ihrer Rede und etwas herstellt, so scheint es. Oh Schreck und Wunder, es ist ein Bezug zur aegyptischen Regierung "Egypt's leadership" und nicht dem Volk welches sich nun aufgebaeumt hat und was der Journalist hier der Frau Rice vorwirft! Nun kommt aber der eigentliche Hammer und der tolle Satze welchen ich zuvor aufgehoben haben, denn sie schreibt "--not so much to us but to their own people, who clamored for change". Man beachte als erstes das Wort "us"--not "me"--und zweitens, dass sie einen Einfluss von Amerika eigentlich ausschliesst. Das pure Gegenteil von dem was Herr Muenger dem gegen Amerika geneigten Leser weiss machen will.

Als naechster kleiner Uebersetzungsfehler, wenn wir das mal so taxieren wollen, haben wir die Ueberquerung des Rubikon: "Trotzdem behauptet Rice, wegen ihres Auftritts sei der «Rubikon überschritten» worden.". Wir koennten hier als erstes wirklich noch etwas um das "Trotzdem" debatieren aber wir lassen das und sehen uns das Original an mit dem Rubikon: "Though Mubarak's party won overwhelmingly, it seemed a kind of Rubicon had been crossed." Unser Journalist unterschlaegt in der Uebersetzung einerseits das Wort "seemed" (oder uebersetzt das mit behauptet???) und fuegt anderseits "wegen ihres Auftrittes" ein. Das "Mubarak's party won overwhelmingly" im uebrigen ein Link zu einem weiteren Artikel ist mit welchem man das "Trotzdem" sehr in Frage stellen muss faellt in der Uebersetzung auch durch alle Maschen durch.

Die Spannung steigt wir naehern uns dem Hoehepunkt, dem dritten Absatz von Herrn Muenger wo er die ueberschaeumende Eitelkeit von Frau Rice untermauert mit den viermal "Ich" und wie sie auf ihre eigene bedeutsame Rolle beim Umbruch in Aegypten hinweist. Viermal "ich", wau, das muss aber wirklich eine eitle Tante sein. Nochmals, man kann den Artikel mehrmals durchlesen und sieht nirgends wo oder wie die gute secratary of state auf ihre bedeutsame Rolle hinweist. Einzig und alleine weil sie den Artikel damit beginnt, dass sie 2005 in Kairo war und dass sie dort eine Rede hielt? Are you frickin' kidding me?

Und dann also das Wort "Ich"; viermal in den ersten drei Saetzen? Really? Are you fricking, fricking, fricking kidding me? Das waere dann auch viermal fricking in diesem Artikel! Hier meine freie/woertliche deutsche Uebersetzung der ersten drei Saetze
Als ich Hosni Mubaraks's Rede an das aegyptische Volk sah letzte Woche, dachte ich: "Es haette nicht so kommen muessen". In Juni 2005, als secretary of state, kam ich bei der Amerikanischen Universitaet in Kairo an um eine Rede zu halten, zu einer Zeit als der demokratische Wechsel in der Region an Schwung gewann. Nachfolgend zur zweiten Amtsantrittssprache von GWD sagte ich, dass die Vereinigten Staaten mit Leuten welche Freiheit suchen zusammenstehen werden.
"I watched, I thought, I arrived, I said." Veni, vidi, vici oder was? Diese vier "ichs" sollen was beweisen? Eitelkeit? Really? Are you fr .... lassen wir das. Wie sonst soll die Frau Rice den ihren eigenen Artikel schreiben, in der dritten Person???

Wer die beiden Artikel im Original selber lesen und vergleichen will hier sind die entsprechenden Links.
Tages Anzeiger
Washington Post
Wir brauchen uns uebrigens nicht zu wundern, wenn dann der deutsche Artikel irgendwann mal nicht mehr Online ist. Ich habe beide Text auf alle Faelle abgespeichert und kann die notfalls nachliefern hier oder sonstwo.

Und last but not least einfach nochmals, in aller Deutlichkeit! Es geht nicht um den eigentlichen Inhalt des Artikels. Soll mir keiner Antworten hier "ja aber die Amis, Kriege, Guantanamo Bay oder die Rice hier"--darum geht es nicht. Es geht einzig und allein um die Art der Bericht Erstattung. Um Nachrichten welche keine sind. Um Nachrichten welche nachweislich falsch sind! Und "regurgitating" von alten "Fakten"! Es geht um diese Artikel welche lediglich dazu da sind um das Negativebild von Amerika aufrecht zu erhalten--Wahrheit hin oder her und mit Fuessen getreten. Propaganda! Es geht ferner darum, dass es nicht nur so eine gelegentliche Ausnahme zwischendurch ist, sondern tag taeglich geschieht. Es ist beileibe auch nicht nur der gute alte Tages Anzeiger (you're excused) alleine sondern so ziemlich jede Zeitung oder Magazin welche ich in deutscher Sprache immer wieder mal online konsultiere. Man muss sich allerdings nur die Muehe nehmen das Original im Englisch zu suchen und zu lesen.

Daher der kleine Gratistipp: Konsultiert die Original Artikel in Englisch, es lohnt sich!

Kommentare:

Marc hat gesagt…

wow - du schreibst mir aus dem herzen! ich habe den artikel beim tagi kommentiert, aber der kommentar wurde nicht veroeffentlicht!

Adrian hat gesagt…

Huh, why am I not surprised!

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