Downtown Austin

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Freitag, 24. Juni 2011

Was macht der Amerikaner im Titel

Im Englischen gibt es das Sprichwort "the pen is mighter than the sword". Das Deutsche Gegenstück "Die Feder ist mächtiger als das Schwert" gibt es zwar auch aber in meinem deutschsprachigen Leben war mir das persönlich nie untergekommen.

Nehmen wir als Beispiel einen Titel. Ein Titel hat die Aufgabe ins Auge zu stechen. Sei das nun ein Titel für ein Buch, einen Film und speziell für einen Artikel in einer Zeitung. Zeitungstitel sind nicht ohne Grund gross und fett.

Der Titel spielt auch eine Rolle in einer Web Seite wie z.B. diesem Blog. Google achtet sehr auf Titel und gewichtet diese stärker als den restlichen Text. Kein Wunder ist mein Eintrag "Alles scheisse hier in in Amerika" bei google.de auf Platz 1 wenn man "scheisse Amerika" eintippt. Man muss sehr weit nach hinten blättern um den Link zu finden wenn man nur nach "scheiss Amerika" sucht. Merke: scheiss und scheisse ist nicht das selbe.

Ein Titel soll also Aufmerksamkeit erregen. Er soll einem auch vorbereiten und einstimmen auf das was da kommt. Wer denkt, dass sich Journalisten und Zeitungsredaktionen wahllos und ohne Sinn und Ziel einen Titel auswählen ist denen bereits auf den Leim gekrochen. Diese Leute sind die Gladiatoren, Ritterhelden, Ninjas oder Samurais; die Feder oder besser das Wort und die Sprache ist deren Schwert.

Gestern bei meinem kurzen online Blick in die alte Heimat stach mir doch ein Titel sogleich ins Auge "Den Amerikanern ist Ai Weiwei zu wenig wichtig". Angesprochen durch den Begriff Amerikaner (und nicht Ai Weiwei) im Titel habe ich natürlich den Artikel gelesen. Am Ende musste ich mich wieder einmal mehr fragen: "Really?" Ernsthaft! Wieso, muss der Amerikaner im Titel stehen wenn das mit dem Artikel wenig bis gar nichts zu tun hat. Schlimmer noch der Titel suggeriert ein Bild das so im Text nicht drin steht. Wer den Artikel nicht (komplett) liesst hat mit dem Titel ein falsches und vor allem negatives Bild im Kopf.

Der Artikel ist in Tatsache ein Interview, d.h. wir haben jemand der stellt zu einem Thema einige Fragen und jemand gibt dazu seine Antworten. Soweit so gut. Irgendwo in der ersten Hälfte haben wir die Frage "Haben die internationalen Proteste etwas bewirkt?", darauf in der Antwort unter anderem "... Das Einzige, was der Westen unternehmen kann, sind Deals: Amerika erleichtert administrative Hürden für emigrierende Chinesen – im Gegenzug nimmt man sich beispielsweise in Tibet etwas zurück". Eigentlich etwas positives über Amerika könnte man meinen. Man könnte nun weiter fragen was ist mit dem Rest der Welt? Was unternehmen den andere Länder? Gibt es überhaupt andere Länder die etwas unternehmen-- ausser Amerika?

Nichts da. Der Interviewer nimmt das Wort Amerika danken auf und stellt eine überraschend andere Frage: "Dann haben die Amerikaner vielleicht Ai Weiwei frei gekauft?" What the F...? Ich brauchte eigentlich gar nicht weiter lesen im Artikel. Mein Blick wanderte wieder nach oben zum Titel "Amerikaner--zu wenig wichtig" und ich wusste ganz genau, es kommt was kommen muss.

Hier eine kleine Aufgabe: Ersetze in der Frage vom Interviewer den Amerikaner mit jeder anderen beliebigen Nation; Schweizer, Deutschen, Österreicher, Franzosen, Italiener, Libyer, Rumänen, Mexikaner, Kanadier, Brasilianer, Japaner .. you get my drift! Welchem anderen Land oder besser noch, wäre es allen Ländern ausser Amerika wichtig den Ai Weiwei frei zukaufen? Ernsthaft, welches?

Folglich kommt auf die Frage die Antwort die kommen muss: "Dafür ist er ihnen wohl zu wenig wichtig ...". Er ist nicht nur den Amerikanern zu wenig wichtig es würde sich kein Land überhaupt zu so etwas hinreissen lassen-- ausser Amerika. Wie lange es dauert in Europa bis jemand überhaupt einen Finger rührt ist längst bekannt, meine liebe Schweiz mit ihrer Neutralität wird sich an so etwas erst recht nicht die Finger verbrennen wollen und der Rest der Welt hat genug andere Probleme. Tragisch aber wahr, Ai Weiwei ist allen Ländern zu wenig wichtig. Niemand, kein Land würde ihn frei kaufen. Auch nicht die Amerikaner.

Soweit so gut, ist im Prinzip egal. Nur, unabhängig davon, dass dies eine gelinde gesagt dumme Frage war, habe ich folgende Frage: Weshalb setzt der Journalist oder die Redaktion den Amerikaner in den Titel. Wieso sind sie hier mit ihrem Schwert am herumfuchteln? Wieso muss genau diese Passage aus dem ganzen Interview für den Titel herhalten? Wieso wird der Titel so formuliert, als ob Amerika sich als einziges Land nicht für Ai Weiwei interessiert? Hat das ganze Interview sonst nichts zu bieten um dem Leser ins Auge zu stechen?

Ich will hier wirklich keine "conspiracy theory" heraufbeschwören aber es wirkt auch mich langsam ermüdend solche Artikel fast tagtäglich zu lesen. Ich denke, dass die Mehrheit der Leute nicht von Grund auf negativ auf Amerika gestimmt sind aber kann sich die Masse dem wirklich entziehen wenn sie so subtil mit Titeln und Artikeln gefüttert wird?

Kommentare:

Janto hat gesagt…

Generell sind solche Titel wo verallgemeinert wird und eben mal von den"Amerikanern" oder den "Deutschen" gesprochen wird, bestenfalls fad im Nachgeschmack. Was mir aber ständig aufstößt, dass damit die Individuen hinter der Sammelbezeichnung verschwinden und in ihrer Meinungsvielfalt herabgestufft werden. Das schürt nur Vorurteile.

Adrian hat gesagt…

Exactly my point, tks.

Johnny-D hat gesagt…

Hallo Adrian,
du hast vollkommen Recht. Nur minderwertiger Journalismus, wie man ihn auf diversen Homepages von Zeitungen (Oft kleinere Regionalzeitungen oder solche, die Richtung BILD gehen) oder sonstigen "News-Seiten" (yahoo, freenet) findet, verwendet diese reißerischen, verallgemeinernden Titel, die mit dem Inhalt des Artikels nichts zu tun haben. Ich persönlich bin von dieser Entwicklung, die gefühlt in den letzten Monaten stark zugenommen hat, gelinde gesagt angekotzt. Die FAZ ist im deutschsprachigen Raum eine der letzten Zeitungen, die weitgehend hohe Qualität liefert.

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